Vorherige Folgen verpasst? Hier findet ihr Teil 1, hier Teil 2 und hier Teil 3.

Spielende Hunde

Nun möchte ich zum Abschluss dieser Reihe erläutern, wie auch Sie diese unsichtbare Leine finden können. Zu Beginn muss ich allerdings sagen, dass Sie sich ändern müssen. Der Hund wird folgen. Und er ist sehr daran interessiert, dies zu tun.

Ich möchte mit einem Beispiel arbeiten, das ich so in meiner Arbeitspraxis als Tierhaltungsberater häufiger vorfinde. Ich traf unterwegs eine Frau, die allerdings nicht wusste, welchen Beruf ich habe. Sie hatte ihren Hund an der Schleppleine, einen English Pointer. Dieser war nun drei Jahre alt und wurde ihrer Beschreibung nach immer problematischer. Und sie beschrieb sehr viel. Leider hat sie in diesen fünf Minuten ihres Monologs nicht einmal nach ihm geschaut. Auch ich kam nicht zu Wort.

Wir wurden unterbrochen durch einen Anruf, wo geklärt wurde, dass das Mittagessen in der Mikrowelle steht, die Spülmaschine auszuräumen ist und auch die Wäsche hängt sich nicht von alleine auf. Ich schlussfolgerte, dass dies ihr Mann am anderen Ende der Leitung war.

Ich versuchte auch mal etwas zu sagen, doch leider verhedderte sich die Dame zum wiederholten Mal in der Schleppleine und der Hund bekam dafür einen Anpfiff. Dies war jedoch das erste Mal, seit nun etwa 10 Minuten, dass sie ihren Hund angeschaut und mit ihm Kontakt aufgenommen hat. Sie meinte nur zu mir, ob ich das auch sehe und sie sei am verzweifeln, und außerdem hätte sie lieber einen anderen Hund, vielleicht so einen wie ich. Wieder wurde nun ihr Hund angesprochen, er solle sich jetzt endlich mal so benehmen wie Numa. Wie sollte es anders sein, das Handy klingelte wieder und ich wusste nun auch, wo dieses Paar zu Hause die Milch lagert. Nämlich im Keller, neben dem Spülmittel.

Einen kurzen Moment des Schweigens nutzte ich aus, um der Dame zu erzählen, wie ich die Dinge ihren Hund betreffend sehe. Allerdings bekam ich dann gesagt, woher ich das wissen wolle, ich würde das ja jetzt nur aus diesem Ausschnitt wahrnehmen und überhaupt… Ich hätte ja auch nur einen Hütehund und nicht einen Jagdhund wie sie. Das sei ja etwas ganz anderes. Überhaupt nicht zu vergleichen. Ich gab ihr meine Visitenkarte und sagte ihr, sie dürfe mich gerne anrufen, wenn sie etwas ändern möchte. Ich konnte mir verkneifen zu sagen, dass sie ja gerne telefoniert.

Es kam kein Anruf, allerdings haben wir uns etwa zwei Wochen später wieder getroffen. Es bot sich auch dasselbe Bild, allerdings durfte ihr Hund mittlerweile gar nicht mehr von der Leine, da er jetzt auch größeren Vögeln nachstellt. Bei uns gibt es einige dieser Vögel, sowohl Enten als auch Krähen oder Elstern. Ich redete nochmal mit ihr und so konnten wir uns darauf einigen, es doch mal miteinander zu probieren.

Beim Erstgespräch sah sie die Schuld einzig und alleine bei ihrem Hund. Der legte ja — zumindest aus Ihrer Sicht — das Fehlverhalten an den Tag. Das auch sie einen kräftigen, wenn nicht sogar den Hauptteil an seinem Verhalten verschuldete, war ihr nicht bewusst. Da sie es aus dieser Perspektive nie gesehen hatte. Wir verabredeten uns zu einem Spaziergang, ohne Telefon, ohne Gespräche, die nichts mit dem Hund zu tun hatten. Ich wies sie auf ihren Hund hin, was er gerade machte, was er sah und wie sie auf ihn bisher gewirkt hat. Ohne Teilnahme oder mit anderem beschäftigt. Schon beim dritten Spaziergang waren die beiden wie ausgewechselt. Die Dame hatte plötzlich Spaß daran, die Spaziergänge zu machen. Etwas MIT ihrem Hund zu erleben. Natürlich musste auch der Hund erst einmal verstehen, dass da plötzlich der Mensch, der sonst nur für das Futter zuständig ist, etwas von ihm wollte. Aber Hunde spüren, dass da jemand ist, der Interesse hat und honorieren dies sofort. Und ein guter Jagdhund ist übrigens der, der auf die Jagd geht, wenn der Besitzer dem zustimmt. Und nicht selbständig entscheidet, wann der Zeitpunkt ist.

Ich bin guter Hoffnung, dass auch diese Beiden schon bald ihre unsichtbare Leine mitnehmen auf ihre Spaziergänge — und die Schleppleine, in der man sich so gerne verheddert, kaum noch brauchen.


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